Sprache, Macht und Definitionshoheit

Sprache ist nie unschuldig, denn sie beschreibt die Welt nicht, sie ordnet sie – sie teilt auf, was zusammengehört und was nicht, was einen Namen verdient und was namenlos bleibt, wer spricht und wer gesprochen wird. In dieser liegt das Politischste an der Sprache: nicht in den Inhalten, die sie transportiert, sondern in den Kategorien, die sie aufstellt. Denn wer die Kategorien bestimmt, bestimmt, was denkbar ist. Und wer bestimmt, was denkbar ist, bestimmt, was möglich ist.
Die Frage, wer Normalität definiert, ist deshalb keine akademische. Sie ist eine Machtfrage.    weiterlesen

Manchmal verändert ein einziges Wort alles. Nicht weil das Wort die Wirklichkeit schafft – die Erfahrung war vorher schon da – sondern weil es ihr eine Form gibt, in der sie benannt, geteilt, verstanden werden kann. Neurodivergenz ist solch ein Wort. Es hat existiert, bevor es den Begriff gab. Die Menschen, die es beschreibt, haben ihre Welt immer auf diese Weise erfahren. Aber ohne das Wort fehlte ihnen das Werkzeug, diese Erfahrung von sich selbst zu unterscheiden – von dem, was an ihnen war, und dem, was an der Welt war. Das Wort hat eine Grenze gezogen. Und an dieser Grenze ist etwas sichtbar geworden. weiterlesen

Es gibt zwei Arten, über Neurodivergenz zu sprechen, und sie kommen selten aus demselben Mund. Die erste ist die Sprache des medizinischen Diskurses: präzise, kategorial, von außen. Sie beschreibt Symptome, Schweregrade, Prävalenzen, Komorbiditäten. Sie ist nützlich für Diagnosen, für Förderanträge, für die Kommunikation zwischen Fachleuten. Und sie ist, als Beschreibung eines Menschen, zutiefst unvollständig – weil sie von jemandem gesprochen wird, der nicht in dem Körper lebt, den sie beschreibt. weiterlesen