Die Scham ist kein lautes Gefühl und sie kommt nicht mit viel Getöse daher, sie kündigt sich nicht an, sie bricht nicht ein wie eine Fremde – sie ist schon da, wenn wir anfangen, uns selbst zu betrachten. Sie hat sich eingerichtet, lange bevor wir verstehen, was sie ist. Sie sitzt in der Art, wie wir uns entschuldigen, bevor wir etwas gesagt haben. In der Geste, die wir abbrechen, weil sie zu viel wäre. Im Satz, der auf der Zunge bleibt, weil wir nicht sicher sind, ob er erlaubt ist. Die Scham ist das Innenleben der Norm – die Norm, die wir so vollständig verinnerlicht haben, dass wir glauben, wir sind sie selbst. weiterlesen
Ordnung ist keine Eigenschaft der Welt. Sie ist eine Eigenschaft der Beschreibung. Die Welt selbst kennt keine Kategorien, keine Hierarchien, keine Grenze zwischen dem, was dazugehört, und dem, was herausfällt. Diese Grenzen ziehen wir – mit Sprache, mit Institutionen, mit Gewohnheiten, die so alt sind, dass wir sie für natürlich halten. Was uns als Chaos erscheint, ist meistens nur eine Ordnung, die wir noch nicht gelernt haben zu lesen. Und was wir Ordnung nennen, ist meistens nur die Ordnung, die sich durchgesetzt hat – nicht weil sie die beste war, sondern weil sie die mächtigste war. weiterlesen