von Volker Schwennen
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Sprache ist nie unschuldig, denn sie beschreibt die Welt nicht, sie ordnet sie – sie teilt auf, was zusammengehört und was nicht, was einen Namen verdient und was namenlos bleibt, wer spricht und wer gesprochen wird. In dieser liegt das Politischste an der Sprache: nicht in den Inhalten, die sie transportiert, sondern in den Kategorien, die sie aufstellt. Denn wer die Kategorien bestimmt, bestimmt, was denkbar ist. Und wer bestimmt, was denkbar ist, bestimmt, was möglich ist. Die Frage, wer Normalität definiert, ist deshalb keine akademische. Sie ist eine Machtfrage.
Normalität ist keine Eigenschaft der Welt – es gibt keine Messung, kein Experiment, keinen Beweis, der zeigen könnte, dass eine bestimmte Art zu denken, zu fühlen, zu wahrnehmen die richtige ist. Normalität ist eine Konvention, die als Natur ausgegeben wird. Eine statistische Mehrheit, die zur moralischen Norm erhoben wird. Eine historisch entstandene Übereinkunft, die ihre eigene Entstehung vergessen hat und sich als selbstverständlich behauptet.
Der Psychiater und Historiker Ian Hacking hat den Begriff des dynamischen Nominalismus geprägt: Die Kategorien, mit denen wir Menschen beschreiben, verändern die Menschen, die unter sie fallen. Wer als bestimmtes Subjekt klassifiziert wird – als Krimineller, als Hysteriker, als Autist – beginnt, sich in Bezug auf diese Klassifikation zu verstehen, zu verhalten, zu artikulieren. Die Kategorie erzeugt teilweise das, was sie beschreibt. Das bedeutet nicht, dass die beschriebene Erfahrung nicht real ist. Es bedeutet, dass die Sprache, in der sie beschrieben wird, diese Erfahrung mitformt – und dass die Wahl dieser Sprache politisch ist.
Die Diagnosemanuale der Psychiatrie – das DSM der amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung, die ICD der Weltgesundheitsorganisation – sind mächtige Instrumente dieser Sprachpolitik. Sie legen fest, was als "Störung" gilt, welche Symptome zählen, welche Schwellenwerte gelten, welche Leidensdauer überschritten sein muss. Sie bestimmen, wer Hilfe bekommt und wer nicht, wer als krank gilt und wer als schwierig, wer als behandlungsbedürftig und wer als anpassungsbedürftig. Diese Bestimmungen sind nicht wertneutral. Sie entstehen in Komitees, die bestimmte Perspektiven vertreten und andere nicht, die bestimmten Interessen nahestehen – pharmazeutischen, versicherungsrechtlichen, kulturellen – und bestimmten nicht.
Die Geschichte der psychiatrischen Klassifikation ist eine Geschichte von Revisionen, die zeigt, wie politisch diese Kategorien sind. Homosexualität galt bis 1973 als "psychische Störung" im DSM – nicht weil neue wissenschaftliche Erkenntnisse die alte Klassifikation widerlegt hätten, sondern weil politischer Druck und gesellschaftlicher Wandel die Definitionsmacht verschoben hatten. Die "Hysterie", die im 19. Jahrhundert als weibliche Pathologie galt und ganze Generationen von Frauen in Sanatorien brachte, entpuppte sich im Rückblick als medizinische Kodierung von Frauenleben, die nicht in die bürgerliche Norm passten. Das bedeutet nicht, dass diese Menschen nicht litten. Es bedeutet, dass die Sprache, mit der ihr Leiden beschrieben und behandelt wurde, dieses Leiden mitproduziert hat.
Miranda Fricker hat für diesen Mechanismus den Begriff der epistemischen Ungerechtigkeit entwickelt – die Ungerechtigkeit, die entsteht, wenn bestimmten Menschen als Wissenden nicht zugehört wird. Die testimoniale Ungerechtigkeit: Wir glauben einer Person nicht, weil wir ihr als Sprechende nicht trauen. Die hermeneutische Ungerechtigkeit: Ein Mensch kann seine eigene Erfahrung nicht artikulieren, weil die Sprache dafür fehlt – weil die kollektiven Interpretationsressourcen seine Erfahrung nicht abdecken. Für neurodivergente Menschen ist beides virulent. Ihre Aussagen über die eigene Erfahrung werden im medizinischen Kontext oft weniger gewichtet als die Beobachtungen von außen – was Mediziner:innen sehen, gilt mehr, als was die Person erlebt. Und die Sprache, die zur Verfügung steht, ist die des Defizits: Störung, Symptom, Beeinträchtigung, Dysfunktion.
Das ist epistemische Gewalt. Nicht im Sinne physischer Gewalt, aber im Sinne einer strukturellen Verletzung: die Verletzung des Rechts, die eigene Erfahrung in eigenen Begriffen zu beschreiben und damit als erkennende Person ernst genommen zu werden. Wer immer nur durch die Kategorien anderer beschrieben wird, verliert irgendwann den Zugang zur eigenen Wahrnehmung – weil er gelernt hat, dass diese Wahrnehmung nicht die zählt, die zählt. Die Sprache der Pathologisierung ist nicht nur eine Beschreibung. Sie ist eine Zumutung.
Wer die Sprache besitzt, besitzt die Wirklichkeit. Wer die Diagnose stellt, besitzt den Menschen, den sie beschreibt – solange dieser Mensch keine eigene Sprache hat, in der er sich zurückholen kann.