Neue Wörter für das, was immer schon war

Sprachkritik als politisches Instrument – Begriffe für neue Wirklichkeiten

von Volker Schwennen
Lesedauer: ca. 3 Minuten

Manchmal verändert ein einziges Wort alles. Nicht weil das Wort die Wirklichkeit schafft – die Erfahrung war vorher schon da – sondern weil es ihr eine Form gibt, in der sie benannt, geteilt, verstanden werden kann. Neurodivergenz ist solch ein Wort. Es hat existiert, bevor es den Begriff gab. Die Menschen, die es beschreibt, haben ihre Welt immer auf diese Weise erfahren. Aber ohne das Wort fehlte ihnen das Werkzeug, diese Erfahrung von sich selbst zu unterscheiden – von dem, was an ihnen war, und dem, was an der Welt war. Das Wort hat eine Grenze gezogen. Und an dieser Grenze ist etwas sichtbar geworden.

Ludwig Wittgenstein hat gesagt, die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt. Das ist ein melancholischer Satz, wenn wir ihn als Beschränkung lesen. Es ist ein zukunftsweisender Satz, wenn wir ihn als Möglichkeit lesen: Wer neue Worte erfindet, erweitert die Welt. Nicht metaphorisch, sondern wirklich. Neue Begriffe schaffen neue Wahrnehmungsmöglichkeiten, neue Solidaritäten, neue politische Handlungsspielräume. Die Geschichte der Emanzipationsbewegungen ist in weiten Teilen eine Geschichte der Sprachpolitik – des Kampfes darum, wer wie genannt wird, wer sich selbst benennt, wessen Beschreibung gilt.

Die Neurodiversitätsbewegung ist eine solche Sprachbewegung. Sie hat nicht nur einen neuen Begriff eingeführt – sie hat ein neues Sprachsystem vorgeschlagen. Ein Sprachsystem, in der Differenz nicht automatisch Defizit bedeutet. In der das Präfix neuro- nicht Korrekturbedarf signalisiert, sondern Verschiedenheit. In der divergent nicht abweichend heißt, sondern: auf einem anderen Weg. Dieses Sprachsystem ist nicht aus dem Nichts entstanden. Sie ist in der Gemeinschaft neurodivergenter Menschen entstanden – in Foren, in Blogs, in Selbsthilfegruppen, in Büchern –, bevor die Wissenschaft sie aufgegriffen hat. Das Wort kam von unten. Das ist politisch relevant.

Andere Begriffe, die aus dieser Bewegung stammen, sind ebenso aufschlussreich. Masking – das Verbergen der eigenen Eigenheiten – war vorher namenlos. Es gab das Gefühl, es gab die Erschöpfung, es gab das diffuse Wissen, dass wir uns verstellen. Aber ohne das Wort fehlte die Möglichkeit, es zu benennen, es anderen zu erklären, es als strukturelles Phänomen zu erkennen statt als persönliche Eigenart. Sobald das Wort existiert, verändert sich die Wahrnehmung: Menschen erkennen sich in ihm, erkennen die Erschöpfung als Folge eines beschreibbaren Prozesses, erkennen, dass sie nicht allein damit sind. Das Wort schafft Gemeinschaft.

Oder: Meltdown und Shutdown – die beiden Formen der autistischen Überlastungsreaktion, die von außen wie Kontrollverlust oder Rückzug aussehen und von innen wie das Versagen aller Regulationssysteme gleichzeitig. (Meltdown beschreibt eine nach außen gerichtete Überlastungsreaktion: Weinen, Schreien, Wut, impulsives Verhalten - kein Kontrollverlust im Sinne von Absicht, sondern als Reaktion auf zu viel Reiz, Druck und Emotion und Shutdown, beschreibt die gegenteilige Reaktion im Sinne von "runterfahren": Betroffene wirken still, erstarrt, abwesend, kaum ansprechbar; Denken, Sprechen und Handeln kann stark eingeschränkt sein.) Bevor diese Begriffe zirkulierten, wurden die Betroffenen als schwierig beschrieben, als wütend, als trotzig, als sozial inkompetent. Mit den Begriffen wird sichtbar: Das ist nicht Charakter, das ist Neurologie unter Überlastung. Die Grenze zwischen Beschreibung und Verurteilung verschiebt sich. Das ist kein kleiner Unterschied.

Die Sprachkritik ist dabei nicht nur dekonstruktiv – nicht nur das Aufzeigen, was falsche Sprache falsch macht. Sie ist konstruktiv: das Entwickeln von Begriffen, die besser beschreiben, was ist. Das ist eine intellektuelle Aufgabe, die zugleich eine politische ist. Denn wer Sprache verändert, verändert, was denkbar ist. Und wer verändert, was denkbar ist, verändert, was möglich ist.

Die Philosophin Judith Butler hat gezeigt, wie Sprache nicht nur beschreibt, sondern performt – wie bestimmte Aussagen das konstituieren, was sie benennen. Die pathologisierende Sprache performt den kranken Menschen: Sie erzeugt ihn, indem sie ihn benennt, indem Institutionen auf diese Benennung reagieren, indem die Benannten beginnen, sich in dieser Benennung zu bewegen. Aber performative Macht ist keine einspurige Macht. Sie kann auch anders eingesetzt werden. Eine Sprache, die Stärke benennt, performt Stärke – nicht indem sie Schwäche leugnet, sondern indem sie eine andere Achse der Beschreibung eröffnet. Eine Sprache, die Würde voraussetzt statt sie von Bedingungen abhängig zu machen, performt Würde.

Neue Begriffe müssen dabei eine Spannung halten, die leicht verloren geht: Sie müssen das Leiden anerkennen, ohne es zur einzigen Wahrheit zu machen. Sie müssen die Stärke benennen, ohne sie als Kompensation zu verkaufen. Sie müssen die Differenz beschreiben, ohne sie zu romantisieren. Und sie müssen offen bleiben für die Komplexität der Erfahrung – dafür, dass dasselbe Merkmal in einem Kontext Ressource ist und in einem anderen Belastung, je nachdem, welche Anforderungen gestellt werden und welche Unterstützung vorhanden ist.

Das ist sprachlich schwierig. Es verlangt Nuancierung, wo Eindeutigkeit bequemer wäre. Es verlangt Offenheit für Widerspruch, wo Konsistenz befriedigender wäre. Es verlangt Bereitschaft, die eigene Sprache zu überprüfen, wenn die Erfahrungen, die sie beschreiben soll, ihr widersprechen. Diese Bereitschaft ist das Gegenteil von Dogmatismus – und sie ist das, was gute Sprachpolitik von schlechter unterscheidet.

Am Ende steht eine Aufgabe, die nie abgeschlossen ist: die Aufgabe, Sprache zu finden, die der Wirklichkeit gerecht wird. Nicht der Wirklichkeit, wie die Mehrheit sie wahrnimmt. Nicht der Wirklichkeit, wie sie in Diagnosemanualen codiert ist. Sondern der Wirklichkeit, wie sie von innen erlebt wird – in ihrer Fülle, ihrer Widersprüchlichkeit, ihrer Würde. Diese Sprache gibt es nicht fertig. Sie entsteht in dem Moment, in dem jemand anfängt zu sprechen – und andere anfangen zuzuhören.

Das ist das Politischste an der Sprache: nicht dass sie die Welt beschreibt. Sondern dass sie die Welt verändert, indem sie sie anders beschreibt. Wer die Sprache verändert, verändert, was wahr sein kann. Und das ist, vorsichtig gesagt, nicht wenig.

Die mächtigste politische Geste ist manchmal die, einen Namen zu geben – nicht um das Benannte festzuschreiben, sondern um es sichtbar zu machen. Sichtbar genug, dass es selbst sprechen kann.