Arbeit anders denken

Arbeitsmodelle der Zukunft – jenseits von Funktionalität und Effizienzlogik

von Volker Schwennen
Lesedauer: ca. 3 Minuten

Was wäre Arbeit, wenn sie nicht primär Verwertung wäre? Diese Frage klingt utopisch, aber sie hat eine lange Tradition – in der Philosophie der Arbeit ebenso wie in der Geschichte der Arbeitsbewegung, in feministischer Ökonomie ebenso wie in der Degrowth- oder Postwachstums-Bewegung, die das Wohlergehen aller zum Ziel hat und die ökologischen Lebensgrundlagen erhält. Sie ist keine Frage nach dem Ende der Arbeit, sondern nach ihrer Neudefinition: Arbeit nicht als das zu verstehen, was Kapital produziert, sondern als das, was Menschen tun, wenn sie ihre Fähigkeiten in die Welt einbringen.

Hannah Arendt hat in Vita activa drei Grundformen menschlicher Tätigkeit unterschieden: das Arbeiten, das Herstellen und das Handeln. Das Arbeiten ist der zyklische Stoffwechsel mit der Natur – das, was immer wieder getan werden muss, weil es immer wieder verbraucht wird. Die Zubereitung von Nahrung, Putzen und Wäschewaschen oder landwirtschaftliche Grundarbeiten wie das Anbauen und Ernten von Getreide, um unsere Ernährung zu sichern. Das Herstellen ist die Produktion von Werken, die dauerhafter sind als der Prozess ihrer Entstehung. Das bauen eines Hauses, eines Möbelstücks oder das Schreiben eines Buches. Das Handeln ist das Eingreifen in die Welt mit anderen – das, was im gemeinsamen Raum sichtbar wird und Geschichte macht. Es kann eine politische Rede sein, die andere überzeugen oder eine öffentliche Debatte anstoßen möchte, die Gründung einer Bürgerinitiative, eines Kunst- und Kulturvereins, oder auch das Fassen eines Beschlusses mit anderen, im Verein oder Parlament.

Die moderne Ökonomie hat das Arbeiten zum alles dominierenden Modus gemacht und Herstellen und Handeln in seine Kategorien übersetzt: auch das Kunstwerk ist Produkt, auch das politische Engagement ist Investment in Reputation. Das ist nicht nur eine sprachliche Verschiebung. Es ist eine ontologische, also die Frage betreffend, was überhaupt existiert.

Für neurodivergente Menschen sind Arendts Kategorien erkenntnisreich. Das Herstellen – das Schaffen von Werken, die das eigene Denken tragen, die in eigener Form und eigenem Tempo entstehen – ist oft die Tätigkeitsform, in der neurodivergente Menschen aufblühen. Das Handeln – das Einbringen einer anderen Perspektive in einen gemeinsamen Raum, das Benennen des Unbenannten, das Stellen von Fragen, die andere nicht stellen – ist ebenfalls eine Form, in der das Anderssein zur Stärke wird. Was das Wettbewerbssystem verlangt, ist vor allem das Arbeiten in seiner entfremdeten Form: das immer gleiche, immer schnellere, immer effizientere Verarbeiten von Input zu Output, nach vorgegebenen Standards, in vorgegebenen Zeitfenstern. Das ist die Form, die neurodivergente Menschen am schwersten tragen.

Konkrete Reformansätze für neurodiversitätssensible Arbeitswelten gibt es bereits, und sie sind weniger radikal als ihre Gegner behaupten. Flexible Arbeitszeiten – nicht als Ausnahme für Privilegierte, sondern als Standard – ermöglichen es, die eigene Energie dem eigenen Takt anzupassen. Asynchrone Kommunikation, die nicht auf sofortige Reaktion besteht, gibt Raum für die Qualität des Denkens statt der Geschwindigkeit der Antwort. Remote-Arbeit (Homeoffice) reduziert die sensorische und soziale Überlastung, die offene Großraumbüros für viele neurodivergente Menschen bedeuten. Aufgabenorientierte statt anwesenheitsorientierte Bewertung misst das Ergebnis statt des Prozesses – und lässt Raum für verschiedene Wege zum Ergebnis.

Diese Anpassungen sind keine Gefälligkeiten für eine Minderheit. Sie sind strukturelle Verbesserungen, die den meisten Menschen nützen. Die Forschung zu Remote-Arbeit zeigt, dass die Produktivität für viele Tätigkeiten steigt, wenn Menschen in selbstgewählter Umgebung arbeiten. Die Forschung zu asynchroner Kommunikation zeigt, dass die Qualität von Entscheidungen steigt, wenn Menschen Zeit haben, nachzudenken, bevor sie antworten. Die Forschung zu flexiblen Arbeitszeiten zeigt, dass Erschöpfung und Burnout sinken, wenn Menschen ihre Energie nicht gegen die eigene Chronobiologie aufwenden müssen. Was gut ist für neurodivergente Menschen, ist gut für alle – weil es Strukturen schafft, die dem menschlichen Denken entsprechen, statt es in ökonomisch bequeme Formen zu pressen.

Eine tiefere Reform betrifft das Verhältnis zwischen Arbeit und Nichtarbeit. Die Vier-Tage-Woche, die in mehreren Ländern erprobt wird, ist nicht zuerst eine Effizienzmaßnahme – auch wenn sich zeigt, dass Produktivität nicht sinkt, wenn die Arbeitszeit sinkt. Sie ist eine Frage der Umverteilung von Zeit. Muße ist kein Luxus. Sie ist die Voraussetzung für Tiefe, für Kreativität, für die Art von Denken, die nicht auf Abruf funktioniert, sondern sich entwickelt. Das gilt für alle Menschen. Es gilt in besonderer Weise für neurodivergente Menschen, deren Erholungszeit nicht nur Erholung ist, sondern Integration – die Zeit, in der das Nervensystem das verarbeitet, was es tagsüber aufgenommen hat.

Das bedingungslose Grundeinkommen ist in diesem Kontext mehr als ein sozialpolitisches Instrument. Es ist eine Aussage über den Wert von Menschen jenseits ihrer Verwertbarkeit. Es entkoppelt Würde von Produktivität – und schafft damit die Möglichkeit, Arbeit anders zu wählen. Nicht unter dem Druck des Überlebens, sondern nach den eigenen Stärken und Bedürfnissen. Für neurodivergente Menschen, die im gegenwärtigen System oft zwischen Überforderung und Unterforderung pendeln, wäre das kein Rückzug aus der Gesellschaft, sondern ein Einstieg unter anderen Bedingungen. Die Frage, was Menschen beitragen wollen, ist eine andere als die Frage, was sie beitragen müssen.

Ivan Illich hat in seiner Kritik der kontraproduktiven Institution gezeigt, dass Institutionen ab einem bestimmten Schwellenwert beginnen, das Gegenteil von dem zu produzieren, wofür sie angeblich da sind. Schulen, die nicht mehr bilden, sondern zertifizieren. Medizin, die nicht mehr heilt, sondern behandelt. Verkehrssysteme, die nicht mehr Mobilität ermöglichen, sondern erzwingen. Die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts hat diesen Schwellenwert erreicht: Ein System, das Erschöpfung produziert, ist kein produktives System mehr. Es ist ein System, das seine eigene Grundlage zerstört.

Was jenseits davon wäre, lässt sich nicht vollständig beschreiben, weil es noch nicht existiert. Es lässt sich nur in seinen Prinzipien skizzieren: Arbeit, die dem Menschen dient und nicht umgekehrt. Bewertung, die Qualität misst und nicht nur Quantität. Strukturen, die verschiedene Denkweisen als Ressource behandeln statt als Störgröße. Zeit, die nicht restlos verwertet wird, sondern Raum lässt für das, was sich Zeit nimmt. Und eine Grundhaltung, die versteht, dass der Wert eines Menschen nicht in seiner Produktivität liegt – weder ganz noch teilweise. Dass er bedingungslos ist. Dass er keiner Rechtfertigung bedarf.

Das klingt nach Philosophie, es ist aber auch Ökonomie. Eine Gesellschaft, die ihre Menschen nicht erschöpft, ist leistungsfähiger als eine, die es tut. Eine Wirtschaft, die verschiedene Denkweisen nutzt, ist innovativer als eine, die sie ausschließt. Eine Arbeitswelt, die Menschen erlaubt, das zu tun, was sie wirklich können, produziert mehr von dem, was wirklich zählt – nicht im Sinne des Bruttosozialprodukts, sondern im Sinne von: etwas, das bleibt. Etwas, das Menschen gemacht haben, weil sie es wollten, weil sie es konnten, weil sie dafür die Zeit und den Raum hatten.

Die produktivste Gesellschaft wäre jene, in der niemand seine Energie damit verschwendet, so zu tun, als wäre er jemand anderes. Das ist keine Utopie. Es ist Arithmetik(1).

1) Arithmetik

Die Arithmetik ist das Teilgebiet der Mathematik, das sich mit Zahlen und den Grundrechenarten beschäftigt – also mit Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division. Sie bildet die Grundlage fast aller mathematischen Berechnungen.