Was Normalität erzählt

Normalitätsdiskurse in Medien und Popkultur – Social Media, Fragmentierung und Aufmerksamkeitsökonomie

von Volker Schwennen
Lesedauer: ca. 3 Minuten

Jede Gesellschaft erzählt sich Geschichten darüber, wer normal ist und wer nicht. Diese Geschichten erscheinen nicht als Geschichten – sie erscheinen als Selbstverständlichkeiten, als Hintergrundgeräusch, als der unsichtbare Standard, gegen den alles andere gemessen wird. Keine Redaktion entscheidet bewusst, dass Protagonist:innen eines Films sozial kompetent, körperlich unversehrt, emotional reguliert und linear denkend zu sein haben. Es ist einfach so. Es war immer so. Und weil es immer so war, hält es sich selbst aufrecht – als das, was es angeblich bloß beschreibt: die Normalität.

Die Medienwissenschaftlerin Rosemarie Garland-Thomson hat für dieses Phänomen den Begriff des Normate geprägt: das unsichtbare Subjekt, das als Maßstab aller Darstellung gilt, ohne je selbst dargestellt zu werden. Es hat keinen Namen, kein Gesicht, keinen Körper – weil es der Körper ist, der alle anderen Körper misst. Abweichungen werden sichtbar. Der Normate bleibt unsichtbar, weil er der Rahmen ist, in dem alle Sichtbarkeit stattfindet. Diese Unsichtbarkeit ist seine Macht. Was keinen Namen hat, kann nicht hinterfragt werden.

Für neurodivergente Menschen bedeutet das eine doppelte Erfahrung der Unsichtbarkeit und der Hypervisibilität. Unsichtbar: weil ihre Art zu denken, zu fühlen, wahrzunehmen in der Mehrheit der medialen Repräsentation nicht vorkommt – oder wenn, dann in stark vereinfachter, stereotypisierter Form. Hypervisibel: weil in dem Moment, in dem neurodivergentes Verhalten sichtbar wird, es sofort als Abweichung markiert, kommentiert, erklärt, therapiert wird. Das Kind, das in der Schulklasse im Spielfilm stört, bekommt eine Funktion zugewiesen – es ist das Problem, das gelöst werden muss. Das autistische Genie, das in seiner Andersheit vorgeführt wird, bekommt eine andere Funktion – es ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt: Ihr Denken ist außergewöhnlich, also darf es anders sein. Beides sind Darstellungen, die neurodivergente Menschen als Randfiguren ihrer eigenen Geschichte zeigen.

Popkultur ist dabei nicht nur Spiegel, sondern auch Produzentin von Normalitätsvorstellungen. Die Erzählformen, die dominieren – die Heldenreise, das romantische Narrativ, die Karrieregeschichte, der Erlösungsbogen – setzen bestimmte psychologische Strukturen voraus: Linearität, emotionale Regulation, soziale Anschlussfähigkeit, Wille zur Veränderung nach bekannten Mustern. Diese Strukturen sind nicht neutral. Sie sind auf ein bestimmtes Gehirn zugeschnitten. Eine Literatur, ein Kino, eine Popkultur, die andere Erzählformen zuließen – fragmentarische, assoziative, kreisende, von Intensitätsschüben geprägte Strukturen – würden nicht nur andere Erfahrungen repräsentieren. Sie würden andere Erfahrungen denkbar machen.

Die sozialen Netzwerke haben dieses Bild verschoben – aber nicht in der Richtung, die wir erwarten könnten. Einerseits haben sie Räume geschaffen, in denen neurodivergente Menschen einander finden konnten, bevor es einen klinischen Begriff für das gab, was sie verbindet. Die ActuallyAutistic-Community, die ADHS-TikTok-Gemeinde, die neurodivergenten Subreddits – das sind Orte, die entstanden sind, in denen Erfahrungswissen geteilt, Sprache entwickelt, Solidarität geübt wird. Das ist politisch bedeutsam. Es ist die Entstehung einer Gegenöffentlichkeit, die vorher so nicht existierte.

Andererseits haben die sozialen Netzwerke eine Aufmerksamkeitsökonomie durchgesetzt, die strukturell mit den Verarbeitungsweisen neurodivergenter Gehirne kollidiert – und gleichzeitig diese Gehirne als Zielgruppe adressiert. Der Algorithmus belohnt Kürze, Reiz, Unmittelbarkeit. Er bestraft Tiefe, Komplexität, Entwicklung über Zeit. Er fragmentiert Aufmerksamkeit systematisch und bietet gleichzeitig die intensiven Belohnungsimpulse, auf die das ADHS-Gehirn besonders anspricht. Das Ergebnis ist eine Plattformstruktur, die für neurodivergente Menschen gleichzeitig Heimat und Falle ist: ein Ort der Zugehörigkeit und ein Ort der systematischen Erschöpfung.

Das Paradox der sozialen Netzwerke besteht darin, dass sie Gemeinschaft ermöglichen und Fragmentierung produzieren – beides gleichzeitig, untrennbar. Die Gemeinschaft der Gleichen, die online entsteht, ist oft eine Gemeinschaft der Diagnose, der Symptombeschreibung, der geteilten Erschöpfung. Das ist wertvoll. Aber es ist noch nicht Politik. Noch nicht Kultur im transformativen Sinne. Es ist Solidarität im Schmerz – die notwendige, erste Stufe, aber noch nicht die Vorstellung einer Welt, die anders eingerichtet sein könnte.

Charles Taylor hat den Begriff der sozialen Imaginäre geprägt: die tiefgelegten, oft unausgesprochenen Vorstellungen darüber, wie gesellschaftliches Leben funktioniert, was normal ist, was möglich ist, was wünschenswert ist. Diese Imaginäre sind nicht Ideologie im klassischen Sinne – sie sind der Boden, auf dem Ideologien wachsen. Um eine andere Gesellschaft zu bauen, brauchen wir andere Imaginäre. Wir brauchen Geschichten, Bilder, Formen des Denkens, die eine andere Welt vorstellbar machen – nicht nur kritisieren, sondern imaginieren.

Die Frage an die Medien und die Popkultur lautet deshalb nicht nur: Zeigt uns richtig! Repräsentiert uns fair! Die Frage lautet: Welche Geschichten erzählen wir über das, was ein gutes Leben sein könnte – und welche Formen des Gehirns, des Denkens, des Fühlens kommen darin vor? Eine Kultur, die neurodivergente Denkweisen als selbstverständliche Bestandteile menschlicher Vielfalt zeigt – nicht als Problem, nicht als Ausnahme, nicht als Inspiration – verändert die kollektiven Vorstellungen davon, was Menschen sind und sein können. Das ist keine kleine Sache. Das ist der Beginn eines anderen Normalitätsdiskurses.

Das Imaginäre geht der Wirklichkeit voraus. Wer keine Geschichten hat, in denen er vorkommt, muss sich zuerst vorstellen, was es bedeuten würde, vorzukommen – bevor er anfangen kann, es zu fordern.