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Warum dieser Titel – und was er bedeutet
Essay von Volker Schwennen
Rauschen ist zunächst ein physikalischer Begriff. In der Nachrichtentechnik bezeichnet es das unerwünschte Signal – die Überlagerung, die entsteht, wenn eine Übertragung gestört wird, wenn zwischen Sender und Empfänger etwas eindringt, das nicht gemeint war. Rauschen ist das, was bleibt, wenn wir alles wegfiltern, was Bedeutung trägt. Es ist der Rest. Das Hintergrundrauschen. Das, was immer da ist und dem wir normalerweise keine Aufmerksamkeit schenken – bis wir genau hinhören. – Und dann ist es das lauteste Ding der Welt.
Diese Sammlung heißt „Mitten im Rauschen“. Nicht trotz der Unschärfe dieses Bildes, sondern wegen ihr. Denn das Rauschen beschreibt etwas, das sich in keinem präziseren Begriff einfangen lässt: den Zustand des Denkens, Erlebens und Schreibens, aus dem diese Essays entstanden sind. Einem Zustand, der weder ruhig noch laut ist, weder geordnet noch chaotisch – sondern beides gleichzeitig, in ständiger Bewegung, mal ansteigend, mal verwebend, niemals ganz still.
In der Physik unterscheiden wir verschiedene Arten von Rauschen. Weißes Rauschen enthält alle Frequenzen in gleicher Intensität – es ist das Rauschen, das wir hören, wenn ein altes Radio zwischen zwei Sendern steht, das gleichmäßige Zischen, das keine Richtung hat und keine Pause. Rosa Rauschen ist anders: Es betont die tiefen Frequenzen, ist weicher, wellenförmiger – das Rauschen des Regens, des Windes, des Meeres. Braunes Rauschen geht noch tiefer, noch langsamer, trägt das Gewicht langer Wellenlängen.
Was alle diese Formen verbindet: Sie sind keine Fehler. Sie sind Zustände. Zustände eines Systems, das sich in Bewegung befindet, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben. Rauschen ist das Verhalten von Energie, die nicht kanalisiert ist – nicht sinnlos, aber auch nicht zweckgebunden. Es ist das Summen der Welt vor der Botschaft.
In der Informationstheorie – begründet von Claude Shannon in den späten 1940er Jahren – ist Rauschen das, was ein Signal verfälscht oder überlagert. Aber Shannon hat auch gezeigt, dass Rauschen nicht eliminiert werden muss, um Kommunikation zu ermöglichen. Es muss nur verstanden werden. Ein Kanal mit Rauschen kann immer noch Information übertragen – wenn Sender und Empfänger wissen, wie das Rauschen beschaffen ist. Wenn wir gelernt haben, durch das Rauschen hindurchzuhören.
Durch das Rauschen hindurchhören – das ist vielleicht die genaueste Beschreibung dessen, was diese Essays versuchen. Sie entstehen in einer Zeit, die laut ist. Nicht im trivalen Sinne von Lärm und Ablenkung – obwohl beides reichlich vorhanden ist –, sondern in dem tieferen Sinne, dass die Gleichzeitigkeit der Anforderungen, der Krisen, der Diskurse, der Selbstbilder und Fremdbilder, der Diagnosen und Gegenentwürfe eine Art dauerhaftes Hintergrundrauschen erzeugt, das Denken oft schwer macht, nicht unmöglich, aber anstrengend. Wir müssen uns konzentrieren, um das Signal vom Rauschen zu unterscheiden – und manchmal fragen wir uns, ob das, was wir für ein Signal halten, nicht selbst schon Teil des Rauschens ist.
Die Themen dieser Sammlung – Kunst und Wahrnehmung, Psychologie und Neurodiversität, Sprache und Macht, Arbeit und Erschöpfung, Beziehung und Einsamkeit, Kulturwandel und das Alltägliche – sind keine zufällige Auswahl. Sie sind die Frequenzen, auf denen dieses Rauschen besonders deutlich zu hören ist. Die Orte, an denen sich das Hintergrundrauschen der Zeit verdichtet zu etwas, das wir nicht mehr überhören können, hin zu einer Frage, die nach einem Satz verlangt, oder einem Satz, der eine weitere Frage aufwirft.
Essays sind, ihrer Natur nach, Versuche.
Das Wort kommt vom französischen essai – der Versuch, der Anlauf, die unfertige Erkundung. Montaigne, der die Form erfunden oder zumindest benannt hat, schrieb über sich selbst, weil er das Einzige war, worüber er mit einiger Sicherheit etwas wissen konnte – und auch da war er sich nicht sicher. Der Essay ist die Form des Denkens, das sich selbst beim Denken beobachtet. Er hat kein Ergebnis, das er beweisen will. Er hat eine Richtung, in die er sich bewegt – und manchmal ändert sich diese Richtung auf dem Weg.
Mitten im Rauschen zu schreiben bedeutet: nicht zu warten, bis es still wird.
Die Stille kommt nicht. Oder sie kommt kurz, und dann beginnt das Rauschen wieder. Schreiben – Denken – geschieht nicht trotz des Rauschens, sondern in ihm. Mit ihm. Manchmal auch gegen das Rauschen. Und manchmal, in den besten Momenten, durch das Rauschen hindurch zu etwas, das sich wie Klarheit anfühlt: vorübergehend, unvollständig, aber real.
Es gibt eine andere Bedeutung von Rauschen, die weniger technisch ist und älter: das Rauschen des Waldes, des Wassers, des Windes. Das Rauschen als das Geräusch der Bewegung ohne Absicht – der Blätter, die sich bewegen, weil der Wind sie bewegt, der Wellen, die sich brechen, weil das Wasser sich bewegt. Dieses Rauschen hat keine Botschaft. Es ist einfach da. Es ist der Klang von Welt, die existiert, unabhängig davon, ob jemand zuhört.
In diesem Rauschen steckt etwas Beruhigendes – das Rauschen des Meeres, das wir in der Nacht hören und das einen schlafen lässt, weil es größer ist als wir selbst und trotzdem vertraut. Es steckt aber auch etwas Beunruhigendes darin: dass das, was so klingt wie Stille, in Wirklichkeit Bewegung ist. Dass Ruhe kein Stillstand ist, sondern eine Form der Schwingung, die so gleichmäßig ist, dass wir sie nicht mehr als Bewegung wahrnehmen.
Neurodivergente Menschen kennen dieses Rauschen auf eine sehr konkrete Weise. Für viele von ihnen ist das, was andere als selbstverständliche Stille erleben – die Abwesenheit von Störung –, ein Zustand, den sie mit Anstrengung herstellen müssen oder gar nicht herstellen können. Das Rauschen ist für sie lauter, oder anders, oder in anderen Frequenzen – die Reize der Außenwelt, die nicht herausgefiltert werden können, das Innenleben, das laut ist, das Denken, das keine Pause kennt. Mitten im Rauschen zu sein ist für sie kein Ausnahmezustand. Es ist der Normalzustand.
Dieser Umstand ist einer der stillen Ausgangspunkte dieser Sammlung. Nicht als Bekenntnis, nicht als Erklärung – sondern als Haltung: dass das Rauschen nicht das Problem ist, das gelöst werden muss, bevor man anfangen kann zu leben. Dass man mitten drin anfangen kann. Mitten im Rauschen denken, mitten im Rauschen schreiben, mitten im Rauschen Verbindungen herstellen, die sich durch das Rauschen hindurch als tragfähig erweisen.
Rauschen als Störsignal. Rauschen als Bewegung. Rauschen als Zustand der Welt. Rauschen als die Art, wie manche Menschen in ihr leben.
Und: Rauschen als das, wogegen sich das Signal abhebt. Denn ohne Rauschen kein Signal – das ist keine bildliche Übertragung, das ist Physik. In einem vollkommen stillen Kanal würde eine Botschaft nicht als Botschaft erkennbar sein. Sie braucht den Kontrast. Sie braucht auch Resonanz. Sie braucht das Hintergrundrauschen, damit das, was sich davon abhebt, sichtbar wird. Das Rauschen ist nicht der Feind der Bedeutung. Es ist ihre Bedingung.
Diese Essays sind Signale, die versuchen, sich vom Rauschen abzuheben – ohne zu behaupten, dass sie das Rauschen überwunden haben. Sie sind Versuche des Denkens unter den Bedingungen der Zeit, in der sie entstanden. Sie tragen das Rauschen mit sich: die Unsicherheit, das Unfertige, die Frage, die keine Antwort hat, die Beobachtung, die sich nicht zu einer These schließt. Das ist keine Schwäche, es ist Ehrlichkeit.
Und vielleicht ist das die eigentliche Bedeutung des Titels: nicht eine Beschreibung des Zustands, in dem diese Essays gelesen werden sollen – obwohl auch das stimmt, denn die meisten von uns lesen mitten im eigenen Rauschen, zwischen zwei Terminen, in der Bahn, kurz vor dem Einschlafen. Sondern eine Beschreibung des Zustands, in dem sie entstanden sind. Nicht trotz des Rauschens. Sondern aus dem Rauschen heraus.
Mitten im Rauschen – das ist, wo diese Sammlung entstanden ist. Und wo es, wenn es gut ist, einen Menschen trifft, der das kennt. Oder der das hören möchte.