von Volker Schwennen
Lesedauer: ca. 3 Minuten
Aufmerksamkeit ist die Grundwährung der digitalen Ökonomie. Werbemärkte, soziale Netzwerke, Streaming-Plattformen, Nachrichtendienste – sie alle konkurrieren nicht um Geld, sondern um Zeit und Konzentration. Das Geschäftsmodell lautet: Aufmerksamkeit wird eingesammelt und an Werbekunden verkauft. Der Mensch ist nicht Kund:in, er ist Produkt. Und wie jedes Produkt wird er optimiert – nicht für seine eigenen Zwecke, sondern für die Zwecke derer, die seine Aufmerksamkeit verwerten wollen.
Diese Ökonomie der Aufmerksamkeit hat eine eigenartige Affinität zu den Mechanismen, die das ADHS-Gehirn beschreiben. Das ADHS-Gehirn ist besonders empfänglich für kurzfristige, intensive Stimulation – es reagiert stärker auf Neuheit, auf unmittelbare Belohnung, auf den Reiz des Wechsels. Genau das optimieren die Algorithmen der sozialen Netzwerke: endlose Neuheit, unmittelbare Belohnung durch Likes und Kommentare, der Reiz des nächsten Posts. Die digitale Informationsumgebung ist, in gewissem Sinne, für alle so gestaltet, als hätten alle ADHS. Sie stimuliert auf eine Weise, die kurzfristig befriedigend und langfristig erschöpfend ist. Für Menschen, deren Nervensystem ohnehin anders auf Stimulation reagiert, potenziert sich dieser Effekt.
Der Begriff der Prekarisierung ist aus der Arbeitssoziologie bekannt – er beschreibt die Erosion stabiler Beschäftigungsverhältnisse, die Verlagerung von Risiken auf die Arbeitnehmenden, die Flexibilisierung als Euphemismus ("Schönrederei") für Schutzlosigkeit. Wir können diesen Begriff auf Aufmerksamkeit übertragen. Aufmerksamkeit wird prekär, wenn sie permanent fragmentiert wird – wenn tiefes Nachdenken, anhaltende Konzentration, das langsame Entwickeln eines Gedankens strukturell unmöglich gemacht werden durch eine Umgebung, die auf Unterbrechung optimiert ist. Wir leben in einer Umgebung, die Aufmerksamkeit als Ressource abbaut, während sie so tut, als würde sie sie fördern.
Für neurodivergente Menschen im Wettbewerbssystem bedeutet das eine doppelte Prekarisierung.
Erstens: Die Anforderungen des Arbeitsmarkts sind meistens an neurotypischen Standards orientiert – strukturierte Arbeitszeiten, lineares Aufgabenmanagement, soziale Interaktionen in normierten Formen, Kommunikation nach impliziten Regeln. Diese Anforderungen sind für neurodivergente Menschen nicht unmöglich, aber sie kosten mehr. Sie erfordern permanente Übersetzungsarbeit, permanent erhöhte Selbstregulation, permanent die Anpassung an eine Form, die nicht die eigene ist.
Zweitens: Die digitale Umgebung, die allen die Konzentration erschwert, erschwert sie neurodivergenten Menschen überproportional, weil deren Regulationsmechanismen ohnehin anders strukturiert sind.
Das Ergebnis ist eine strukturelle Benachteiligung, die sich nicht in Diskriminierungsstatistiken einfängt, weil sie diffus und allgegenwärtig ist. Neurodivergente Menschen verdienen im Durchschnitt weniger, sind häufiger arbeitslos, häufiger in prekären Beschäftigungsverhältnissen und häufiger in Positionen, die ihren Fähigkeiten nicht entsprechen – sowohl zu anspruchsarm als auch, in anderen Dimensionen, zu anspruchsvoll. Sie fallen durch die Raster, die das Wettbewerbssystem aufgestellt hat – nicht weil sie schlechter wären, sondern weil die Raster für sie nicht gemacht wurden.
Der Wettbewerb selbst ist dabei nicht neutral. Er setzt bestimmte Fähigkeiten als Maßstab: Schnelligkeit, soziale Anpassung, Selbstdarstellung, lineares Projektmanagement, die Fähigkeit zur strategischen Selbstpräsentation in Vorstellungsgesprächen und Bewerbungsverfahren. Diese Fähigkeiten sind keine Indikatoren für tatsächliche Kompetenz. Sie sind Indikatoren für Passung an eine bestimmte Form des Wettbewerbs. Ein Bewerbungsgespräch misst nicht, ob eine Person einen Job gut machen kann. Es misst, ob diese gut in Bewerbungsgesprächen ist. Diese beiden Dinge korrelieren schwach. Für neurodivergente Menschen, deren Stärken oft gerade dort liegen, wo die Bewerbungslogik nicht hinschaut – in der Tiefe des Sachverstands, in der Qualität des Denkens, in der Energie des Hyperfokus – ist das besonders ironisch.
Es gibt eine Debatte in der Neurodiversitätsbewegung darüber, ob wir die wirtschaftliche Nützlichkeit neurodivergenter Menschen betonen sollen – das Argument, dass ADHS-Typen in Startups gut funktionieren, dass autistische Programmierer fehlertoleranten Code schreiben, dass dyslektische Unternehmer:innen räumlich denken. Dieses Argument ist strategisch verständlich und intellektuell problematisch. Es akzeptiert die Prämisse des Wettbewerbssystems – dass der Wert eines Menschen an seiner wirtschaftlichen Verwertbarkeit hängt – und versucht, neurodivergente Menschen innerhalb dieser Prämisse zu rehabilitieren. Das ist ein Rückzugsgefecht. Die eigentliche Frage ist nicht: Sind neurodivergente Menschen nützlich? Die eigentliche Frage ist: Was bedeutet es, dass wir den Wert von Menschen nach ihrer Nützlichkeit messen?
Die Antwort auf diese Frage ist nicht ökonomisch. Sie ist politisch und ethisch. Eine Gesellschaft, die den Wert ihrer Mitglieder an ihrer Produktivität misst, hat eine Grundentscheidung getroffen, die alles andere bestimmt: Würde ist nicht bedingungslos, sondern leistungsabhängig. Das ist keine Naturgesetzlichkeit. Es ist eine politische Entscheidung, die anders getroffen werden könnte. Und die Erfahrung neurodivergenter Menschen – die im bestehenden System systematisch abgewertet werden, obwohl sie denken, fühlen, schaffen, lieben, beitragen – ist ein besonders klarer Spiegel für das, was diese Entscheidung bedeutet.
Eine Gesellschaft, die Aufmerksamkeit verkauft und Erschöpfung als persönliches Versagen verbucht, hat das Recht verloren, über Leistungsgerechtigkeit zu sprechen.