Der moralische Wert der Erschöpfung

Produktivität als moralische Kategorie – Disziplin, Selbstoptimierung und die Ökonomie des Körpers

von Volker Schwennen
Lesedauer: ca. 3 Minuten

Es gibt einen Satz, der in seiner Alltäglichkeit so unauffällig ist, dass wir ihn kaum noch hören: Ich war heute sehr produktiv. Der Satz klingt wie eine Beschreibung. Er ist eine Rechtfertigung. Er sagt nicht nur: Ich habe heute viel getan. Er sagt: Ich habe heute meinen Platz verdient. Produktivität ist in der modernen Leistungsgesellschaft keine wertfreie Eigenschaft, die manche Tätigkeiten haben und andere nicht. Sie ist eine moralische Kategorie – der Maßstab, nach dem der Wert einer Person bemessen wird. Wer produktiv ist, ist gut. Wer es nicht ist, schuldet eine Erklärung.

Diese Gleichsetzung von Produktivität und moralischem Wert hat eine lange Geschichte. Max Weber hat in seiner Studie über die protestantische Ethik gezeigt, wie die calvinistische Theologie die Arbeit zur religiösen Pflicht erhob – nicht weil Arbeit an sich heilig wäre, sondern weil beruflicher Erfolg als Zeichen göttlicher Erwählung galt. Der wirtschaftliche Erfolg wurde zum Beweis der Gnade. Müßiggang wurde zur Sünde. Diese theologische Struktur hat sich, so Webers These, säkularisiert und in die kapitalistische Arbeitsethik eingeschrieben – als eine Haltung, die von ihren religiösen Ursprüngen nichts mehr weiß, aber deren moralische Grammatik vollständig übernommen hat.

Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, in der Arbeit nicht mehr primär als Mittel zum Zweck verstanden wird – als Weg, das Notwendige zu sichern – sondern als Selbstzweck und Identitätskern. Wer bist du? Ich bin Jurist:in. Ich bin Lehrer:in. Ich bin Unternehmer:in. Die Antwort auf die Frage nach dem Wer ist fast immer eine Antwort auf die Frage nach dem Was-tust-du. Das bedeutet: Wer nicht arbeitet – weil er nicht kann, weil er anders kann, weil sein Können nicht in die Verwertungslogik passt – hat keine vollständige Antwort auf die Frage, wer er ist. Er ist eine Person, die fehlt.

Byung-Chul Han hat in der Müdigkeitsgesellschaft beschrieben, wie das Disziplinarsubjekt des 20. Jahrhunderts – das Subjekt, das von außen kontrolliert und zur Arbeit gezwungen wird – abgelöst wurde durch das Leistungssubjekt des 21. Jahrhunderts: das Subjekt, das sich selbst kontrolliert, selbst antreibt, selbst optimiert. Der Übergang von der Disziplinargesellschaft zur Leistungsgesellschaft ist in mancher Hinsicht eine Befreiung – keine äußeren Zwänge mehr, keine Fabriksirene, kein Chef, der hinter einem steht. Aber Han zeigt, dass diese Befreiung eine neue, schwerer erkennbare Form der Unterwerfung produziert: die Unterwerfung unter das eigene Soll. Das Burnout ist die Pathologie dieser Gesellschaft – das Zusammenbrechen eines Subjekts, das sich selbst ausgebeutet hat, bis nichts mehr übrig war.

Die Selbstoptimierungsindustrie ist das kommerzielle Pendant zu diesem Zusammenbruch. Bücher über Morgenroutinen und Zeitmanagement, Apps, die Schlaf und Schritte und Kalorienverbrennung tracken, Coaches, die versprechen, aus jedem das Maximum herauszuholen – all das setzt eine Grundannahme voraus, die selten ausgesprochen wird: dass der Mensch ein Optimierungsprojekt ist, dessen gegenwärtiger Zustand defizitär ist und dessen Ziel die maximale Leistungsausschöpfung. Das menschliche Leben als Startup, das skaliert werden muss.

Diese Sprache ist nicht unschuldig. Sie übersetzt menschliche Erfahrung in ökonomische Kategorien: Zeit ist Ressource, Aufmerksamkeit ist Kapital, Schlaf ist Investition in zukünftige Produktivität. Was sich dieser Sprache entzieht – Muße, Kontemplation, Langeweile, ziellose Bewegung, das Gespräch, das nirgendwo hinführt – gilt als Verlust. Als vergeudete Zeit. Als etwas, das wir uns vielleicht leisten können, wenn die Arbeit getan ist. Die Arbeit ist aber nie ganz getan.

Die Erschöpfung, die in dieser Gesellschaft epidemische Ausmaße angenommen hat, ist kein Betriebsunfall. Sie ist das Ergebnis einer Struktur, die Grenzen nicht kennt, weil sie Grenzen nicht kennen will. Ein System, das Leistung als moralische Kategorie behandelt, kann keine obere Grenze definieren – denn jede Grenze wäre moralische Schwäche. Wir könnten ja noch mehr tun. Wir könnten effizienter sein. Wir könnten uns besser organisieren. Die Erschöpfung ist in dieser Logik immer das Problem des Einzelnen, nie das Problem des Systems. Sie ist Versagen, nicht Widerstand.

Für neurodivergente Menschen ist diese Moral besonders zerstörerisch, weil sie eine Energie verbraucht, die andere nicht verbrauchen. Das Masking – das Verbergen der eigenen Andersartigkeit, um in einer normativen Umgebung zu funktionieren – kostet, konservativ geschätzt, einen Bruchteil der verfügbaren Kapazität jeden Tag. Das bedeutet: Ein neurodivergenter Mensch, der in einem neurotypisch organisierten Arbeitsumfeld dieselbe Leistung erbringt wie ein neurotypischer Mensch, hat dabei deutlich mehr aufgewendet. Er hat nicht weniger gearbeitet. Er hat mehr gearbeitet – und zwar an sich selbst, bevor er überhaupt mit der eigentlichen Arbeit begonnen hat. Diese Mehrarbeit ist unsichtbar. Sie wird nicht gemessen. Sie wird nicht anerkannt. Und wenn die Erschöpfung kommt, gilt sie als persönliche Schwäche.

Produktivität als moralische Kategorie ist die brutalste Form der Entmenschlichung, weil sie sich als Selbstbestimmung verkleidet. Wir treiben uns selbst an. Wir versagen vor uns selbst. Wir schämen uns vor uns selbst und es ist keine aufsehende Person nötig.