von Volker Schwennen
Lesedauer: ca. 3 Minuten
Es gibt einen Moment, den viele neurodivergente Menschen kennen und der sich schwer erklären lässt: Wir sind mit einem Menschen zusammen, den wir lieben. Der Abend ist nicht schlecht. Aber irgendwann – ohne erkennbaren Auslöser, ohne Streit, ohne dass etwas Falsches gesagt wurde – ist er weg. Nicht körperlich. Aber innerlich ist eine Tür zugegangen. Der Kopf hat abgeschaltet, das Gespräch kommt nicht mehr an, die Stimme des anderen klingt wie durch Wasser. Wir sind überladen. Nicht mit dem anderen. Mit allem. Und der andere, der das nicht weiß, fragt: Stimmt etwas nicht mit dir? Habe ich etwas getan?
Reizüberflutung ist kein sozialer Rückzug. Sie ist neurobiologisch. Das Nervensystem hat seine Verarbeitungskapazität erschöpft – durch den Tag, durch die Umgebung, durch die Anstrengung des Funktionierens in einer Welt, die auf eine andere Art von Nervensystem zugeschnitten ist. Wenn dieser Punkt erreicht ist, ist kein Wille mehr, der das überwinden könnte. Die Erschöpfung ist nicht emotional. Sie ist strukturell. Sie bedeutet nicht: Ich will nicht mehr mit dir reden. Sie bedeutet: Ich kann gerade gar nichts mehr.
Das Problem ist die Übersetzung. Für neurotypischen Partner:innen, den Freund:innen, die Mutter, den Kolleg:innen – für alle, die diese Form der Erschöpfung nicht kennen – sieht der Rückzug wie Ablehnung aus. Wie Desinteresse. Wie eine Aussage über die Beziehung. Das Schweigen, das folgt, fühlt sich kalt an, nicht erschöpft. Die Abwesenheit fühlt sich gewählt an, nicht erzwungen. Und das Missverständnis, das daraus entsteht, ist schwer zu reparieren, weil es an einem Punkt entstand, an dem keine Erklärung möglich war – weil die Erklärung selbst Ressourcen verlangt, die nicht mehr vorhanden sind.
Kommunikation ist immer ein Übersetzungsvorgang. Aber meistens funktioniert er so reibungslos, dass wir ihn vergessen – weil beide Seiten dieselben impliziten Codes teilen, dieselben nonverbalen Signale lesen, dieselben Pausen als Einladung oder Abschluss verstehen. Wenn diese gemeinsamen Codes fehlen, wird die Reibung spürbar. Nicht als böser Wille, nicht als mangelndes Interesse, aber als Reibung: der Moment, in dem etwas Gesagtes anders ankommt als es gemeint war, und wir nicht wissen, warum.
Neurodivergente Kommunikation folgt oft anderen Prinzipien als neurotypische. Direktheit statt Andeutung – nicht aus Unhöflichkeit, sondern weil das Lesen von Andeutungen eine kognitive Leistung ist, die Ressourcen kostet, die anderweitig benötigt werden. Verzögerte Antworten – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil das Verarbeiten komplexer sozialer Inputs Zeit braucht. Lange Monologe über ein Thema, das interessiert – nicht aus Egozentrik, sondern weil das Sharing von Wissen und Begeisterung die primäre Form von Verbindung ist, nicht das Smalltalk-Format. Körperliche Distanz – nicht als Zeichen von Abstand, sondern weil die eigene Sensorik bestimmte Formen von Berührung nicht als Zärtlichkeit kodiert, sondern als Eingriff. Oder gerade auch das Gegenteil: starke körperliche Nähe, die Verbundenheit zeigt, aber nicht als Zeichen für Übergriffigkeit verstanden werden will.
Diese Kommunikationsformen sind nicht falsch. Sie sind anders. Aber in einer Welt, die neurotypische Kommunikation als Standard setzt, werden sie als Fehler gelesen. Der direkte Mensch gilt als taktlos. Der Langsame als desinteressiert. Der Monologisierende als narzisstisch. Der Körperdistanzierte als kalt. Der körperlich Nähesuchende als übergriffig. Diese Lesarten sind nicht böswillig – sie entstehen aus dem Versuch, das Verhalten des anderen in bekannten Kategorien zu verstehen. Aber sie sind falsch. Und sie beschädigen Beziehungen, die funktionieren könnten, wenn die Übersetzungsarbeit geteilt würde.
Der Soziologe Erving Goffman hat das soziale Miteinander als Bühne beschrieben – als Performance, in der alle Beteiligten Rollen spielen, implizite Skripte befolgen, Gesicht wahren und das Gesicht der anderen wahren. Für neurodivergente Menschen ist diese Bühne eine permanente Anstrengung: das Skript wurde ihnen nicht mitgegeben, sie haben es gelernt – manchmal unvollständig, manchmal zu gründlich, so dass die Performance zur Erschöpfung wird. Der Rückzug vom sozialen Feld ist oft kein Rückzug aus der Beziehung. Es ist Bühnenabgang aus Erschöpfung. Die Beziehung wartet dahinter, in den Kulissen, unberührt.
Was würde es bedeuten, das zu verstehen? Es würde bedeuten, Rückzug nicht als Aussage über die Beziehung zu lesen, sondern als Information über den Zustand des anderen. Schweigen nicht als Strafe, sondern als Signalisierung: Ich brauche Stille. Indirektheit nicht als Unhöflichkeit, sondern als Versuch der Schonung. Verzögerung nicht als Desinteresse, sondern als Verarbeitung. Es würde bedeuten, die eigene Interpretationsfolie zu hinterfragen – und zu fragen: Was meint er wirklich? Nicht: Was würde ich meinen, wenn ich das täte?
Das Missverständnis in der Kommunikation ist selten böser Wille. Es ist meistens der Moment, in dem zwei verschiedene Bedeutungssysteme aufeinandertreffen und keines der beiden weiß, dass das andere ein anderes ist.